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Christa Reinig

„Wenn wir aber Menschen wären oder sein wollen, sollten Männer die Sprache der Frauen so gründlich erlernen, wie die Frauen seit je und von Kindheit an die Sprache der Männer erlernen müssen.“
(aus: „Das weibliche Ich“, 1976)

 

Christa Reinig, geboren am 6. August 1926 in Berlin, gestorben am 30. September in München, war Tochter einer alleinerziehenden Putzfrau, arbeitete als Trümmerfrau und Blumenbinderin, studierte Archäologie und Kunstgeschichte und begann früh zu schreiben. Sie veröffentlichte in einer Ostberliner Satireszeitschrift, wurde jedoch wegen ihrer nonkonformistischen Haltung bereits 1951 mit einem Publikationsverbot belegt. Ihre Werke erschienen nur noch in der Bundesrepublik, und als sie 1964 den Bremer Literaturpreis entgegennahm, kehrte sie nicht mehr in ihre Heimat zurück.

In den 70er Jahren bekannte sie sich öffentlich als lesbisch; das Thema, das sich durch ihr gesamtes Werk zieht, das Leben und Arbeiten von Frauen ohne Männer, erschien von da an noch einmal in einem neuen Licht. Christa Reinigs literarische Produktivität war von Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre am stärksten, hier entstanden ihre besten Werke, denen die Würdigung versagt blieb: Ihre feministische Haltung brachte es mit sich, dass ihre Bücher vom Literaturbetrieb nicht mehr wahrgenommen und marginalisiert wurden. Dies änderte sich, als sie sich Ende der 80er Jahre aus der Frauenbewegung zurückzog und für weitere Erzählbände drei Literaturpreise erhielt.

Christa Reinigs Werk lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Es finden sich Liebesgedichte und zeitkritische Parodien („Papantscha Vielerlei“, den altindischen Upanischaden nachgebildete Reime) neben Romanen, etwa „Entmannung. Die Geschichte Ottos und seiner vier Frauen“ (1976), einem Schlüsselbuch der deutschen Frauenbewegung. Grotesk-komische und märchenartige Erzählungen und Essays (z. B. „Der Wolf und die Witwen“, 1980) legen satirisch und doch bitterernst die Geschlechterverhältnisse offen und reflektieren lesbische Lebenswirklichkeit, etwa „Die ewige Schule“, 1976, über den Film „Mädchen in Uniform“ und Christa Winsloe, oder über zwei altgewordene Lesben, die sich über ihre Bestattungswünsche streiten.

Auf den ersten Blick mögen Christa Reinigs Texte heute schwierig und wie aus der Zeit gefallen wirken, aber eines ist ihr Werk immer: geistreich und klug. Eine Wiederentdeckung ist es wert.

 

Ausweg

Das, was zu schreiben ist, mit klarer Schrift zu schreiben
Dann Löcher hauchen in gefrorne Fensterscheiben
Dann Bücher und Papiere in ein Schubfach schließen
Dann eine Katze füttern, eine Blume gießen
Und ganz darin vertieft, plötzlich den Sinn erfassen:
Zieh deinen Mantel an, du sollst das Haus verlassen
(1964)


 

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Letzte Änderung: 03.06.2016 (PGU)