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Kirsten Nilsson

„Im Alter ist sie in die Normalität abgedriftet.“

Kirsten Nilsson wurde am 25. März 1931 als Karl Erick Böttcher in der Mark Brandenburg geboren und verbrachte ihre Jugend in Küstrin. Die Familie floh kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 vor den Sowjettruppen nach Oberbayern, wo Karl Erick Damenfriseur und Kostümschneider lernte. Er studierte im München der Nachkriegszeit Schauspiel und Tanz, tauchte in die Schwulenszene ein und arbeitete beim Film und beim Zirkus, bevor er als „Sylvia“ Ende der 50er Jahre seine Berufung als „Damenimitator“ in den Travestie-Clubs von München, Berlin und Hamburg fand.

1964 unterzog sich Kirsten als eine der Ersten in Deutschland einer riskanten geschlechtsangleichenden Operation in Marokko. Sie trat als Tänzerin und Sex-Star in den Erotik-Theatern von St. Pauli auf, besaß eigene Bars und Strip-Lokale und arbeitete auf dem Edelstrich, bis sie krankheitsbedingt einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben ziehen musste und eine Ausbildung zur Altenpflegerin begann.

Kirsten lebte in späteren Jahren wieder in Oberbayern, wo sich endlich ihr Jugendtraum, als Schauspielerin auf der Bühne zu stehen, in zahlreichen Frauenrollen im „Theaterchen O“ in Traunreut erfüllte. Und: Dort wurde ihre Weiblichkeit niemals angezweifelt: „Im Alter ist sie in die Normalität abgedriftet“, wie es ihre Nichte formuliert – Kirsten war endlich angekommen.

Kirsten Nilsson starb am 12. Juli 2017 in München. Ihre Biografie erschien 2017 in der Reihe „Lebensgeschichte“ beim Forum unter dem Titel „Vom Hitlerjungen zur Domina. Ein transsexuelles Leben im 20. Jahrhundert“.

 


 

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Letzte Änderung: 26.04.2018 (JIO)