„Kern meines Vorschlags ist es, das Lesbischwerden als weiblichen Emanzipationsprozess – als partielle Befreiung von weiblichen Rollenzwängen – zu verstehen.“
Dr. Lising Pagenstecher

Dr. Lising Pagenstecher wurde am 29. Juli 1930 als jüngstes von vier Kindern in die Familie des Korvettenkapitäns und Landwirts Carolus („Carlos“) und seiner Frau Aline Pagenstecher in Köln-Lindenthal geboren. Sie verbrachte ihre ersten Lebensjahre auf dem von ihren Eltern gepachteten Rittergut Haus Orr bei Köln.
Während des Zweiten Weltkriegs verteilten die Eltern ihre Kinder aus Sicherheitsgründen auf verschiedene Orte, wo sie bei näheren oder entfernteren Verwandten unterkamen. Lising musste mehrfach den Ort wechseln, was ihre schulischen Leistungen beeinträchtigte. Nach Abschluss der Mittleren Reife und dem Besuch einer Sprachenschule verbrachte sie ein Jahr als Au-pair und Sprachstudentin in Paris, fuhr anschließend als Stewardess auf einem Schiff um die halbe Welt, um dann ein Jahr in New York zu leben und zu arbeiten.
Anschließend kehrte Lising Pagenstecher nach Deutschland zurück, legte das Begabtenabitur ab und studierte Soziologie und Geschichte. Das Studium schloss sie mit dem Doktortitel in Geschichte ab. Beruflich zog es sie nach München, wo sie eine Stelle am Deutschen Jugendinstitut fand, für das sie mehrere Jahrzehnte tätig war.
Schon mit unter 20 Jahren wurde ihr ihre lesbische Neigung bewusst, sie bekannte sich aber erst in ihren 30ern öffentlich dazu. Als Frau erkannte sie zudem klar, welchen Benachteiligungen ihr Geschlecht ausgesetzt war. Sie schloss sich bald mit anderen feministisch denkenden Frauen zusammen und beteiligte sich an vielen wichtigen Aktionen und Aktivitäten der Frauen- und Lesbenbewegung.
So gehörte sie zu den Gründerinnen der Sektion Frauenforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Diese versuchte, feministische Forschung in den bestehenden Forschungseinrichtungen zu etablieren. Auch an der Gründung der SFOM (Sozialistische Frauenorganisation München), die bis Mitte der 80er in München sehr aktiv war, war sie beteiligt.
Schließlich gründete sie in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts aus den dabei gewonnenen Erfahrungen heraus mit anderen Frauen die Frauenakademie München (FAM). FAM ist seit 1994 als außerakademische Forschungseinrichtung vom Staat Bayern anerkannt und arbeitet bis heute erfolgreich. Hochmusikalisch, gehörte sie auch zu den führenden Persönlichkeiten von musica femina, eines Vereins, der sich der (Wieder-)Entdeckung und Aufführung von Komponistinnen und ihren Werken widmet.
Lising Pagenstecher hat sich über Jahrzehnte durch Publikationen, Vorträge und andere Aktivitäten für die Rechte lesbischer Frauen und feministische Ziele eingesetzt. Ihre Texte erschienen in namhaften feministischen und anderen Publikationen. So entwickelte sie eine positive Theorie zur Genese weiblicher Homosexualität („Der geheime Auftrag der Mütter“), die sie unter anderem in der renommierten Zeitschrift „Psychologie heute“ publizieren konnte. An der Münchner Volkshochschule hielt sie in mehreren Jahren eine mehrteilige Vorlesungsreihe zum lesbischen Leben in München. Bereits pensioniert, gründete sie mit dem „Lesbensalon“ einen Gesprächs- und Aktionskreis für lesbische Frauen über 60 Jahre, der sich seitdem um Sichtbarkeit für ältere lesbische Frauen bemüht.
Seit 1985 teilte sie ihr Leben mit der Musikpädagogin, feministischen Aktivistin und Sängerin Renate Lettenbauer. Lising Pagenstecher starb am 16. Juni 2026 im Alter von fast 96 Jahren in München.
Von Ariane Rüdiger

