Lising Pagenstecher (*29.07.1930 / +16.6.2026), eine Ikone der Münchner Frauen- und Lesbenbewegung ist von uns gegangen. Am 16. Juni verstarb fast 96jährig Lising Pagenstecher.
Noch 2025 konnte sie mit ihrer Partnerin Renate Lettenbauer ihr 40-jähriges Beziehungsjubiläum mit einem großen Fest begehen.

Die Soziologin Dr. Lising Pagenstecher, gebürtig in Hamburg und aus einer großbürgerlichen Familie stammend, lebte als Jugendliche teils in New York und Paris. Sie studierte in München Soziologie und promovierte auch dort. Viele Jahre arbeitete sie am Deutschen Jugendinstitut.
Zu ihrem Lesbischsein bekannte sie sich erst relativ spät, mit Ende 30, dann aber mit desto größerer Vehemenz.
In den 70er Jahren baute sie mit anderen Frauen die Sektion Frauenforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie auf, die versuchte, feministische Forschung in den bestehenden Forschungsbetrieben zu etablieren. Dies gestaltete sich jedoch schwierig. Außerdem gehörte sie zu den Gründerinnen der SFOM (Sozialistische Frauenorganisation München), die bis Mitte der 80er in München sehr aktiv war. Die gewonnenen Erfahrungen führten zur Gründung der Frauenakademie München In den 80er Jahren, zu deren Mitgründerinnen sie ebenfalls gehörte. Die Frauenakademie ist seit 1994 als außerakademische Forschungseinrichtung vom Bayerischen Staat anerkannt und arbeitet bis heute erfolgreich.
In den 80er Jahren erschienen von ihr zahlreiche Aufsätze, unter anderem in der inzwischen eingestellten Zeitschrift Frauenstudien. Außerdem trug sie zu mehreren Büchern bei. Ihre Themen waren meist Sexualität und ihre Unterdrückung, Frauenemanzipation und -diskriminierung. Großen Einfluss hatte auf die lesbische Community ihr Buch „Der geheime Auftrag der Mütter“, mit dem sie den Prozess des Lesbisch-Werdens zu analysieren versuchte. Das Buch ist heute vergriffen und noch nicht einmal in der Bayerischen Staatsbibliothek gelistet.
In den 90ern hielt Lising Pagenstecher mehrere Jahre lang eine Vortragsreihe zum Thema „Lesbisch-Sein“ an der Münchner Volkshochschule. Um mit anderen lesbischen Frauen zusammen zu sein, sich gegenseitig zu bestärken und Gedanken auszutauschen, scheute sie keine Mühen. So fuhr sie noch 2024 zum jährlichen bundesweiten Lesbentreffen, LFT (Lesbenfrühlingstreffen) am Werbellinsee nahe Berlin.
Außerdem gehörte Lising Pagenstecher zu den tragenden Figuren des lesbischen Gesprächskreises LesbenSalon für lesbische Frauen über 60 Jahren und des politischen lesbischen Gesprächskreises „Weiterreden“, der in den 2010er Jahren aktiv war.
Im Jahr 2011 wurde sie von der Stadt München mit der Medaille „München leuchtet“ ausgezeichnet.
Lising liebte – wie ihre Partnerin – Musik, insbesondere Gesang, den sie auch selbst ausübte, Kunst und Kultur. Sie besuchte bis ins hohe Alter entsprechende Veranstaltungen. Sie blieb der Lesben-Community verbunden, auch wenn sie aus Gesundheitsgründen mit der Zeit immer seltener an Veranstaltungen teilnehmen konnte.
In der Forum-Publikation „Zwischen Nachkriegsfrust und Aufbruchslust – Sieben Biografien“, wurde ihr von der Autorin Christine Schäfer ein eigenes Kapitel gewidmet.
Wir verlieren in ihr eine unerschrockene Kämpferin für die lesbische Sache, die keine Kontroverse scheute und auch zu ihrer Meinung stand, wenn der Wind von vorn kam.
Wir werden sie vermissen!
Ariane Rüdiger, Forum Queeres Archiv München
