

Fotos: Michael Nagy / Presseamt Stadt München
Das zweite Denkmal aus unserer Reihe „Wegmarken“ besteht aus einer Regenbogenbank auf dem Curt-Mezger-Platz, vor dem Kulturzentrum Milbertshofen (siehe Bild). Sie ist der Dichterin und Schriftstellerin Christa Reinig gewidmet, die von 1964 bis zu ihrem Tod am 30. September 2008 in München lebte und arbeitete. Ein QR-Code an der Bank verweist auf diese Seite.
Geboren wurde Reinig im östlichen Teil der Reichshauptstadt Berlin, also im späteren Ostberlin, am 6. August 2026. Sie war die uneheliche Tochter einer Putzfrau, und von daher ist ihr späterer Erfolg als Dichterin nicht gerade das Erwartete. Einen beredten Einblick in die äußerst einfachen Verhältnisse, in denen sie aufwuchs, gibt ihr biografischer Roman „Die himmlische und die irdische Geometrie“, erschienen 1975.
Christa Reinigs Mutter war bildungshungrig und -beflissen. Ihr Idealbild war die autonome, ohne Mann für sich selbst und ihre Kinder sorgende Frau. Und so versorgte sie ihre Tochter von Anfang an mit Literatur. Sie erwartete von Christa Reinig anscheinend nicht, dass sie an ihre Klassenherkunft gebunden blieb, eher im Gegenteil.
Steiniger Bildungsweg
Reinig absolvierte zunächst die Mittlere Reife und verdiente sodann Geld. Sie arbeitete in Fabriken, lernte in einem Blumenladen, war nach Kriegsende Trümmerfrau. Sie holte 1950 bis 1953 im Abendunterricht an einer Arbeiter- und Bauernfakultät das Abitur nach. Diese Einrichtungen der DDR sollten wie Abendgymnasien sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen den Aufstieg erleichtern.
Damals durften Studenten aus Ostberlin noch Westberliner Universitäten besuchen. Daher studierte sie von 1953 bis 1957 Kunstgeschichte und christliche Archäologie an der Humboldt-Universität Berlin, eine Erfahrung, die sich durch zahlreiche mythologische und religiöse Anspielungen auch sehr ironischer Art in ihren literarischen Werken niederschlug. Am meisten wohl in Papantschi Allerlei von 1971, einer dichterischen Verballhornung des damals herrschenden Trends zu fernöstlichen Religionen und Philosophien, zu finden im Band „Sämtliche Gedichte“, erschienen 1984 bei Eremiten-Presse, wo sie die meisten ihrer Werke verlegte. Anschließend arbeitet sie einige Jahre, bis 1963, als Assistentin am Märkischen Museum.
Schon gegen Ende des 2. Weltkriegs, den sie als Kind und Jugendliche wenig bedrohlich erlebte, begann Reinig zu schreiben. Sie gab mit einigen anderen eine alternative Literaturzeitschrift heraus und gehörte zur Gruppe „Zukunftssachliche Dichter“. Ihren ersten Preis gewann sie 1948 zusammen mit Horst Bienek, als sie vom Kulturbund Berlin ausgezeichnet wurde. Damals arbeitete sie an der satirischen Zeitschrift Ulenspiegel mit, die damals in der DDR erschien und die sich bis heute erhalten hat.
Zensurerfahrungen
1951 ist eine sehr frühe Reinig Veröffentlichung in der Anthologie „Neue deutsche Erzähler“ des Aufbau-Verlags enthalten. Gleichzeitig zensierten die DDR-Behörden eine von ihr verfasste Fortsetzungsserie für eine Zeitschrift.
Das Zensurerlebnis bewog sie dazu, fortan nur noch im Westen zu publizieren. So erschien 1960 bei Eremiten-Presse „Die Steine von Finisterre“, ein Sammelband. Weitere Verlage für Reinigs Erstveröffentlichungen waren Fietkau und S. Fischer, ab Mitte der 70er auch der feministische, in München um diese Zeit gegründete Verlag Frauenoffensive.
Von Anfang an prägten Ironie, Humor, Phantasie bis hin zur Entwicklung höchst eigener Theorien, etwa zum Geschlechterverhältnis, gelegentliche Drastik, Knappheit und hohe Konkretion ihre Texte. Reinig traut sich, mit Sprache zu spielen und dabei klar ersichtlichen, dennoch höchst amüsanten Unsinn zu produzieren. Außerdem hat sie keine Scheu, sich auch schwieriger Themen anzunehmen. Eines ihrer bekanntesten Gedichte, „Die Ballade vom blutigen Bomme“ von der Verurteilung eines Verbrechers bis zu seiner Hinrichtung.

Ab nach München!
1964 erhält Reinig den Bremer Literaturpreis und flüchtet bei dieser Gelegenheit die Flucht in den Westen. Sie beschließt, nach München zu ziehen. So weit man das ihren Schriften und sonstigen Quellen entnehmen kann, war sie von Anfang an lesbisch und hatte zahlreiche Affären, betrachtete sich aber zunächst nicht als Feministin, ja, sogar kaum als Frau, eher als etwas dazwischen. Insofern war ihr Denken gewissermaßen „queer“, wenn man heutige Terminologie zugrunde legt.
1965 bekommt Reinig eines der begehrten und renommierten Villa-Massimo-Stipendien und hält sich ein halbes Jahr in Italien auf. Die Impressionen verarbeitet sie in „Die Schwalbe von Olevano“.
Inspiration bei bayrischen Wegkreuzen
1969 erscheint Schwabinger Marterl, eine Hommage an bayerische Wegkreuze mit entsprechend skurrilen Versen. Insgesamt erscheinen ab Mitte der 60er und bis Mitte der 70er mehrere Bände mit Erzählungen und Gedichten, Hörspiele – 1967 erhielt Reinig den Hörspielpreis der Kriegsblinden – und Gedichte. Deren literarische Qualität wurde honoriert, auch von ihrer gewählten Heimatstadt München: 1969 erhielt sie den Tukanpreis der Landeshauptstadt München, 1973 die Ehrengabe der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Ihr 1975 erscheinender autobiografischer Roman „Die himmlische und die irdische Geometrie“ kombiniert Patchwork artig Rückblicke auf ihre Kindheit und Jugend, Reflexionen über die schriftstellerische Arbeit und fiktive Dialoge zwischen historischen oder fiktiven Persönlichkeiten, etwa zwischen de Sade und dem Satan. Dieser Text erscheint 1983 auch bei Frauenoffensive. Bis zu diesem Buch dringt in ihren Büchern wenig Persönliches durch, sie schreibt eher distanziert, lakonisch, humorvoll scharf formuliert.
Selbstouting und feministisches Engagement
Mit dem Roman „Entmannung“, der von einem Chirurgen, Otto, und fünf Frauen in seiner Umgebung handelt. Darunter ist – zum ersten Mal – auch eine Lesbe. Es ging darin um Themen wie Geschlechterrollen, Frauenunterdrückung, Emanzipationsansätze, aber auch Fragen wie Abhängigkeit, Arm und Reich oder die Möglichkeiten der Gender- und Fortpflanzungsmedizin.
Buchstäblich im Zentrum des Buches steht ein Abschnitt über den sogenannten Itzehoe-Prozess. Er beschreibt die daran anknüpfende Anti-Lesben-Kampagne der Bildzeitung unter dem Titel „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“ und die Reaktion der Romanfiguren auf dieses Ereignis. Bemerkenswert: Unter dem Eindruck des Prozesses beschließt Otto, seine männliche Rolle abzulegen. Am Ende handelt allerdings keine der Figuren wie angekündigt.
Zur Erinnerung: Der Itzehoe-Prozess 1973 drehte sich um den von einem lesbischen Liebespaar veranlassten Auftragsmord an dem Ehemann der einen, der seine Ehepartnerin über Jahre misshandelt hatte. Um sich seiner zu entledigen, beschafften sie einen Auftragskiller, der auch erfolgreich zu Werke ging. Allerdings wurden die Frauen als Auftraggeberinnen ruchbar. Beide Frauen erhielten Lebenslänglich. Die missbräuchlichen Verhaltensweisen des Ehemannes blieben bei der Strafzumessung völlig außer Betracht.
Zurück zu Reinigs Dichtung: 1975 erhielt Reinig den Kritikerpreis, 1976 das Verdienstkreuz am Band des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland („Bundesverdienstkreuz“). Außerdem schloss sich Reinig um diese Zeit enger an die Münchner Frauenbewegung an, sie wurde zum Beispiel eine der fünfzig Gesellschafterinnen des ersten Münchner Frauenbuchladens, der 1975 gegründet wurde.
Fortan gab Reinig sich in ihren Texten persönlicher und feministischer, auf Ermächtigung und Emanzipation von Frauen gerichtet. Davon zeugen etwa der Erzählbänden „Der Wolf und die Witwen“, erschienen 1980, der Roman „Die Frau im Brunnen“, erschienen 1982. Unter lesbischen Frauen besonders beliebt war „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“, erschienen 1979, ein Liebesroman in kurzen Versen – 365, für jeden Tag des Jahres einen.
Sie beriet auch jüngere, aufstrebende Kolleginnen, las ihre Texte, beurteilte deren literarische Qualität etc. Eine von ihnen ist die preisgekrönte Übersetzerin aus dem Türkischen, barbara Yurtdas.
Reinig hatte bereits Anfang der 70er Jahre einen folgenschweren Unfall erlitten. Während sie bis dahin ihre bestehende Bechterew-Erkrankung durch Gymnastik relativ gut kompensieren konnte, war sie nach einem falsch behandelten Rückgratbruch nach einem Treppensturz nicht mehr im Stande, den Kopf zu heben und ihre bisherigen, notwendigen sportlichen Aktivitäten weiter fortzuführen. Sie litt unter erheblichen Schmerzen und Mobilitätseinschränkungen. Auch trug dieser Zustand wohl mit dazu bei, dass sie in der Öffentlichkeit und der Münchner Frauenbewegung in den späteren Jahren weniger präsent war – allerdings auch ihr ausgeprägter Individualismus, mit dem sie wohl auch in der Frauenbewegung teils aneckte.
Weniger Preise und Ehrungen
Mit Reinigs feministischem Engagement nahm die Zahl der Preise, Erwähnungen, Kritiken und überhaupt die öffentliche Anerkennung innerhalb des Literaturbetriebs deutlich ab. In zeitgenössischen Texten werden ihre späteren Arbeiten als schwächer beurteilt. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich bestens streiten.
Unverdrossen schrieb sie weiter, besonders gern Gedichte und oft kurze Erzählungen, und bekam auch weiterhin Auszeichnungen, etwa 1980 das Stipendium Münchner Literaturjahr, 1984 den Preis des Literaturmagazins des Südwestfunks, 1986 die Ehrengabe der Stiftung zur Förderung des Schrifttums, 1993 die Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad Gandersheim und 1999 den Brandenburgischen Literaturpreis.
Reinig wohnte sehr lange in Milbertshofen, wo sie eine Eigentumswohnung besaß. Sie unterhielt eine langjährige lesbische Beziehung zu einer gestandenen Bayerin, die ihr anfangs wohl im Haushalt half. Am 30. September 2008 verstarb Christa Reinig in einem Münchner Hospiz Sie wurde 82 Jahre alt.
Geschichte des Projekts
Das Gedenken an Reinig wurde in München lange vernachlässigt, was 2020 zu einer Unterschriftensammlung der Autorin bei Münchner Buchhandlungen und anderen Interessierten zugunsten einer Straßennamenumbenennung zugunsten von Christa Reinig führte. Dieser Antrag blieb leider trotz erheblicher Bemühungen bislang erfolglos.
Dann beschloss das Forum Queeres Archiv München – LesBiSchwulTransInter* in Geschichte und Kultur, dem die Autorin angehört, anlässlich von Reinigs 100. Geburtstag am 8. August 2026 eine Regenbogenbank bei der Landeshauptstadt München zu beantragen, zu finanzieren und sie Christa Reinig zu widmen. Diesem Anliegen wurde von Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) stattgegeben. Es wurde breit unterstützt, unter anderem von der Rosa Liste, der Stadtratsfraktion der Grünen, der Koordinierungsstelle für Queere Lebensstile, dem Baureferat der Landeshauptstadt München und vielen anderen. Dafür danken wir.
Wir freuen uns, dass nun mit dieser Regenbogenbank und damit unserer zweiten Wegmarke eine bisher in der Stadt fehlende Erinnerung für eine wichtige lesbisch-feministische Persönlichkeit dieser Stadt geschaffen wurde, der hoffentlich noch weitere folgen werden.
Wichtig für die Freund*Innen der Texte von Christa Reinig, die heute vorwiegend in Münchens literarischem Archiv Monacensia zu finden sind: Ebenfalls im Jahr 2026 erscheint eine neue Gesamtausgabe der Reinig-Texte im Verbrecher-Verlag.
Online-Quellen zu Christa Reinig:
Fembio: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/christa-reinig/
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Christa_Reinig
Schau mal Frau: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/christa-reinig/
Wenn wir aber Menschen wären oder sein wollen, sollten Männer die Sprache der Frauen so gründlich erlernen, wie die Frauen seit je und von Kindheit an die Sprache der Männer erlernen müssen.
aus: „Das weibliche Ich“, 1976

