Am Freitag, den 16.10.2026 verstarb in München die lesbische Feministin, Initiatorin und Mitgründerin von FrauenWohnen
Ruth Balden. Sie wurde 85 Jahre alt.

Ruth Balden wurde 1941 in Königsberg, heute Kaliningad (Russland), als jüngstes von zwei Kindern geboren. Sie hat einen drei Jahre älteren Bruder. Die Familie war kirchlich geprägt. Ruth Baldens Mutter arbeitete als Kindergärtnerin, ihr Vater als CVJM-Sekretär. Er opponierte als Mitglied der Bekennenden Kirche gegen das Naziregime. Der Name Ruth weist darauf hin. 1942 zur Wehrmacht. Er kam nicht zurück, und Ruth Baldens Mutter ließ ihn 1959 für tot erklären.
1944 gelang der Mutter mit den Kindern die Flucht nach Thüringen zur Großmutter, und 1946 zogen sie nach Eschwege, in die amerikanische Zone, wo sie eine Arbeit antrat.
Dort kam Ruth 1947 zur Schule. 1954 erfolgte aus beruflichen Gründen ein Umzug nach Rotenburg/Fulda, und 1958 nach Altensteig/Schwarzwald, wo Ruth Balden 1961 das Abitur ablegte.
Im selben Jahr reiste Ruth Balden auf Einladung eines Freundes ihres Vaters in die USA. Auf der Rückreise lernte sie ihren späteren Mann, Jon Balden, kennen dessen Namen sie fortan lebenslang trug. 1962 begann sie in Stuttgart ein Studium an der Pädagogischen Hochschule. Im selben Jahr wurde sie auf einer gemeinsamen Reise von Jon Balden schwanger und heiratete ihn aus diesem Grund auf Anraten ihrer Mutter. Sie bekam eine Tochter.
1963 wanderte Ruth Balden in die USA aus. Zwei Jahre später fiel Jon Balden einem Motorradunfall zum Opfer. Nun auf sich gestellt, begann Ruth Balden ein Studium des Environmental Design (Architektur) an der Berkeley University, Kalifornien, das sie 1971 mit einem Master abschloss. 1967 kam sie dort auch in Kontakt mit der Frauen- und Lesbenbewegung, der sie sich begeistert anschloss.
1973 kehrte sie nach Deutschland zurück und ließ sich bei München nieder. Ab 1975 wohnte sie in München und engagierte sich intensiv in der autonomen Frauenbewegung. Im selben Jahr, nunmehr 34jährig, verliebte sie sich in eine Frau. Sie arbeitete seit 1978 als Architektin und etablierte sich 1987 offiziell als Freie Architektin. Fortan war ihr das selbstbestimmte Bauen und Wohnen von und für Frauen und Lesben ein besonderes Anliegen.
1991 war sie Initiatorin und Mitgründerin der Genossenschaft FrauenWohnen, die heute drei Anlagen mit insgesamt 151 Mietwohnungen für Frauen in München Riem, dem Domagkpark und dem Westend besitzt und betreibt. Die Gebäude wurden zum Teil für ihr architektonisches Konzept preisgekrönt. Zudem erhielt FrauenWohnen 2003 den von der Stadt München jährlich vergebenen Anita-Augspurg-Preis.
1976 gehörte Ruth Balden zu den Gründerinnen der Wen-Do-Selbstverteidigungsgruppe für Frauen. Weiter gehörte Ruth Balden zum Verein SAFIA – Lesben gestalten ihr Alter e.V., mit inzwischen rund 400 Mitfrauen. Zeitweise war sie eine der Vorstansfrauen der Sappho-Wohnstiftung, in die Immobilien eingebracht werden, wo dann ältere Lesben leben können. Ruth Balden war seit 2003 Rentnerin und lebte zeitweise im Frauenprojekt Wüstenbirkach, zuletzt in FrauenWohnen Domagkpark.
Außerdem gehörte sie ab 2011 zum LesbenSalon, einer Initiativgruppe lesbischer Frauen 60+ in München, die sich insbesondere für mehr für Sichtbarkeit und soziale Einbindung für ältere Lesben einsetzt.
In ihren letzten Lebensjahren war Ruth Balden häufig krank, ließ sich aber nicht davon abhalten, weiter an für sie interessanten Veranstaltungen, zum Beispiel den Münchner Demonstrationen zum Klimaproblem und gegen Rechtsextremismus teilzunehmen.
Wir verlieren mit ihr eine konsequente Verfechterin lesbisch-feministischer Autonomie, die sich besonders für die Wohnbelange lesbischer Frauen einsetzte.
Ariane Rüdiger
Quellen: Christine Schäfer, Nachkriegsfrust und Aufbruchslust. Lesbisches Leben in München in den 1950er bis 1970er Jahren. Sieben Biografien. Darin Interview mit Ruth Balden (Seite 84; folgend)
