„Macht es öffentlich, je öffentlicher, desto besser“
Cosy Pièro

Cosy Pièro-Conscience, geboren als Christina Conscience am 13. Juni 1937 in Köln, war Malerin, Bildhauerin, Installations- und Videokünstlerin, Gastronomin und queere Vordenkerin der Münchner Szene.
Christina Conscience wurde als einziges Kind des französischen Schauspielers Gustav Conscience und seiner Ehefrau Elfriede, einer Tänzerin, geboren. Aufgrund des unbeständigen Lebensstils ihrer Eltern verbrachte sie die ersten drei Jahre ihres Lebens bei ihren Großeltern in Ansbach. 1940 zog sie zu ihren Eltern nach Prag; nach dem Tod des Vaters 1941 floh sie 1945 mit ihrer Mutter in ein österreichisches Auffanglager. 1947 kehrten sie nach Köln zurück, wo sie die Volksschule besuchte.
Im Alter von 13 Jahren, 1950, verliebte sich Cosy in ihre Musiklehrerin. Die geheim gehaltene Beziehung endete 1951 mit dem Abschluss ihrer Volksschulzeit, als es zu einem Übergriff durch die Lehrerin kam. 1951 schloss Cosy die Volksschule ab und verließ aufgrund des Missbrauchs, den sie durch ihren Stiefvater erfuhr, bereits im Alter von 15 Jahren ihr Elternhaus.
Von 1952 bis 1955 studierte sie an der Kunstgewerbeschule Köln Malerei. 1956 ging sie nach Brüssel, um ihr Kunststudium an der Königlich-Belgischen Akademie fortzusetzen. Von 1956 bis 1957 studierte sie in der Picasso-Schülerwerkstatt in Vallauris in Südfrankreich. Dort lernte sie den Rennfahrer Jean Pitont, der 1960 bei einem Rennen in Cannes tödlich verunglückte, während Cosy mit ihrem gemeinsamen Sohn Jean-Pierre schwanger war.
Cosy kehrte nach Deutschland zurück und ließ sich in München nieder. Dort verdiente sie zunächst als Komparsin, später in der Gastronomie den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn, alleinerziehend und mit dem klaren Wunsch, ein unabhängiges Leben führen zu wollen.
Cosy, wie sie seit ihrer Schulzeit in Anlehnung an ihren Nachnamen genannt wurde, eröffnete 1961 im Münchner Glockenbachviertel die Künstler:innen-Bar „Bei Cosy“, die sie ganz bewusst als einen Ort konzipierte, an dem sich „bunt gemischte Garnituren“ trafen, eine Mischung aus Lesben, Schwulen, Transpersonen und Künstler:innen, die gemeinsam feierten. Cosys Lokal wurde schnell zu einem Fixpunkt der Münchner Nachtkultur. Mit ihrem Einstieg in das Nachtleben und die Kunstszene wählte Cosy den Namen Pièro als bewusst gewählte Künstler:innenidentität. Bis 1980 eröffnete sie zwischen Gärtnerplatzviertel und Schwabing fünf weitere Nachtbars mit selbem Konzept und unter ihrem Namen.
Doch Cosy stand nicht nur hinter dem Tresen, sie betrat auch die Bühne, wo sie selbstgetextete Chansons vortrug. 1963 wurde eine Serie von Cosys ausgestellten Zeichnungen, die Katzen mit nackten Frauenkörpern zeigten, beschlagnahmt und vermutlich vernichtet – ein drastisches Beispiel für die Moralpolitik jener Zeit. Während dieser Zeit widmete sich weiter der Kunst und hielt den Kontakt zur queeren Szene.
1980 übergab sie das „Bei Cosy“ an ihre damalige Lebensgefährtin und widmete sich wieder mehr ihrer künstlerischen Arbeit. 1981 veranstaltete sie in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt München und dem ZDF die Aktion „Kinder-Kinder“ und gründete 1982 die „Werkstatt Brücke 7“, in der Ausstellungen mit Künstler:innen wie Rabe perplexum stattfanden, mit der sie auch privaten Kontakt pflegte. Cosy positionierte sich in der autonomen Kunstszene Münchens und präsentierte 1985 ihre Werke in einer Einzelausstellung in der Dany-Keller-Galerie, denen weitere im In- und Ausland folgten. Im selben Jahr entwarf sie das Plakat zur schwul-lesbischen Kulturwoche „VioRosa“.
Ein öffentliches Zeichen ihres Werks im Stadtraum ist die Gestaltung des U-Bahnhofs Brudermühlstraße in München-Thalkirchen, der im Oktober 1989 eröffnet wurde. 1995 wurde sie nach dem zweiten Weltkrieg als erste weibliche Künstlerin zur Professorin an die Akademie der Bildenden Künste berufen. Im selben Jahr wurde Cosy Mitglied des „Städtischen Atelierhauses“ in der Dachauer Straße. 1998 kuratierte sie in der Münchner Rathausgalerie nach dem frühen Tod Rabe perplexums eine posthume Retrospektive.
Im Oktober 2022 erhielt Cosy Pièro den Kunstpreis der Landeshauptstadt München für ihr Lebenswerk – eine späte, aber bedeutende Anerkennung ihres künstlerischen und queeren Engagements. 2023 erschien bei Ruine München die Publikation „Cosy bei Cosy“ über ihre Bar und Kunst, an der der mit ihr befreundete Künstler Philipp Gufler mitwirkte. Kurz vor Cosys Tod eröffnete in der Galerie Françoise Heitsch in München die Ausstellung „Love Planets“, die den Werken von Cosy Pièro und Philipp Gufler gewidmet war.
Cosy Pièro starb am 29. Juni 2023 in der Maxvorstadt. Sie hinterließ ihre Ehefrau Anne Osmers-Consciene und ein vielschichtiges Vermächtnis als Künstlerin und Betreiberin der Bar „Bei Cosy“, mit der sie bereits in den 1960er Jahren einen offenen Treffpunkt für Schwule, Lesben, trans* Personen und Heteros schuf. Als bildende Künstlerin, Performerin und Förderin der queeren und experimentellen Szene prägte sie das kulturelle Leben der Stadt maßgeblich.
Ausstellungen (Auswahl)
- Mädchen, Mädchen, Galerie L’Art, München, 1976
- Neue Arbeiten, Dany-Keller-Galerie, München, 1985
- Kopfleuchten, Hauptzollamt München-West, 1990
- Du bist Gott, Abbrazia di San Vincenzo al Furlo, Italien, 1994
- Gender, Orangerie München, 1995
- Große Kunstausstellung, Haus der Kunst München, 2000
- Der andere Blick, Atelierhaus Dachauer Straße, München, 2013
- Bei Cosy, Rongwrong, Amsterdam, 2017
- Exzentrische 80er: Tabea Blumenschein, Hilka Nordhausen, Rabe perplexum und Kompliz*innen aus dem Jetzt, Lothringer 13, München, Kunstverein Tiergarten, Galerie Nord, Kunsthaus Hamburg 2022/2023
Kulturpreise (Auswahl)
- 1980 Kulturreferat der Stadt München – Projektförderung zum „Jahr des Kindes“, Olympia-Park München
- 1985 Förderpreis der Stadt München
- 1985 ZDF Fernsehporträt „Frauengeschichten“ von Gabriele von Arnim
- 1986 Kulturreferat der Stadt München – Ausstellungsprojekt im Hauptzollamt München I, Konzept und Idee Cosy Pièro
- 1989 Beckforum München
- 1989 Kulturreferat der Stadt München – Ausstellungsprojekt im Hauptzollamt München II
- 1992 Kulturreferat der Stadt München – Ausstellungsprojekt im Hauptzollamt München IV
- 2022 Kunstpreis der Landeshauptstadt München
Weblinks und Material
- Laudatio für den Kunstpreis der Landeshauptstadt München von Philipp Gufler: https://forummuenchen.org/blog/2022/10/26/kunstpreis-der-landeshauptstadt-muenchen-an-cosy-piero/
- Cosy Pièro live im Lothringer13_Florida: https://forummuenchen.org/blog/2021/03/08/cosy-piero-live/
- Website von Cosy Pièro: https://cosypiero.de/
- Objekte zu Cosy Pièro im Forum Queeres Archiv München
Von Norbert Wagner

