Um ihre berechtigte Rolle in den Naturwissenschaften zu übernehmen, müssen Frauen aus der Geschichte lernen.“

Die Jüdin Jenny Kien wurde am 12. Juni 1948 in Sydney geboren. Ihre Eltern flohen vor den Nazis nach Australien, viele Angehörige starben im KZ. Jenny Kien studierte in Australien Neurobiologie und promovierte in Sydney. Schon damals lebte sie offen lesbisch.
Als 25-Jährige ging sie mit einem Humboldt-Stipendium nach Darmstadt, wo sie an der Technischen Hochschule forschte. Danach arbeitete sie für fünf Jahre am Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Seewiesen in der Nähe von Starnberg. Dort begann sie mit ihrer Erforschung der Bewegungssteuerung von Insekten.
1980 habilitierte sie sich an der Universität Regensburg in Zoologie. Sie wurde von der Deutschen Forschungsgesellschaft im Rahmen des Heisenberg-Programms gefördert und arbeitete danach in Regensburg als unbefristete wissenschaftliche Mitarbeiterin mit eigenem Labor und einer eigenen Forschungsgruppe. Ihr Spezialgebiet blieb die Bewegungsorganisation von Insekten
Während der Regensburger Jahre wohnte sie an den arbeitsfreien Tagen in München und pflegte dort einen weit verzweigten feministisch-lesbischen Freundes- und Bekanntenkreis unter anderem zu anderen wissenschaftlich tätigen Frauen.
Schon Anfang der 70er Jahre schloss sie sich der Bewegung kritischer feministischer Naturwissenschaftlerinnen an. Anfang der 80er Jahre entwickelte sie zusammen mit dem Wissenschaftshistoriker David Cassidy das erste Seminar auf deutschem Boden über die Geschichte vergessener Naturwissenschaftlerinnen.
Trotz hervorragender wissenschaftlicher Leistungen erhielt Jenny Kien keine Professur, wozu nach eigenen Aussagen ihr feministisches Engagement und ihr lesbischer Lebensstil maßgeblich beitrugen. Deshalb zog sie sich 1994 aus der Forschungsarbeit zurück.
Die intensive Auseinandersetzung mit ihren persönlichen Wurzeln und der jüdischen Religion führten anschließend zu einem einjährigen Aufenthalt in Israel. Dort forschte sie zu den Wurzeln des Judaismus. Ergebnis waren zwei Bücher, „Reinstating the Divine Woman in Judaism“ (2000) und „The Battle between the Moon and Sun“ (2003).
1996 kehrte sie Deutschland endgültig den Rücken und emigrierte nach Israel, wo sie zunächst in Jerusalem, dann in Tel Aviv lebte. Ihre Kurse hielt sie unter anderem an der Bar Ilan Universität in Ramat Gan nahe Tel Aviv. Sie lehrte im Gender Studies Program, Themen waren kritische Biologie, Ökofeminismus und Globalisierung.
Nach ihrer Emeritierung arbeitete Jenny Kien für Greenpeace Israel und besuchte am Tel Aviv Museum of Art Malereikurse. In ihren letzten Lebensjahren wurden ihre Arbeiten, hauptsächlich Porträts und belebte Straßenszenen, in diversen Einzel- und Gruppenausstellungen israelischer Kunst in Israel und Westeuropa gezeigt. Jenny Kien lebte ihre letzten zwei Lebensjahrzehnte eingebunden in ein enges Netz platonischer Frauenfreundschaften. Sie starb am 10. Juli 2023 in Tel Aviv.
Links:
- Persönliche Webseite (Internet Archive)
- Instagram @kien.jenny
- Traueranzeige in der Süddeutschen Zeitung (Internet Archive)
Von Ariane Rüdiger
