Christina Spachtholz
Lieber Paul,
im Laufe unserer Forschungsjahre über dein Leben und Werk habe ich zahlreiche Briefe von dir gelesen – und selbst so einige Texte über dich verfasst. Doch dieses Mal verspüre ich das Bedürfnis, dir keinen weiteren wissenschaftlichen Text zu widmen, sondern einen persönlichen Brief.
Ich bin wirklich dankbar, dir begegnet zu sein. Als ich meine erste Abschlussarbeit über dich an der Universität schrieb, machte es mich traurig, dass sie lediglich für eine Note gedacht war, von meinem Professor gelesen und dann wieder in Vergessenheit geraten würde. Aber du verdienst es, dass man dich in Erinnerung behält. Welch glücklicher Zufall, dass ich am Forum Queeres Archiv München mit Anderen zusammentraf, die diese Überzeugung teilen.
Ich werde dich als den Menschen in Erinnerung behalten, der du warst, und nicht nur als den Lehrer, der in den Biografien seiner Schüler beiläufig erwähnt wird.
Ich werde dich als den gütigen Mentor in Erinnerung behalten, der seine Schüler ermutigte, sich selbst zu finden, während er seine eigene Identität nicht auszudrücken vermochte.
Ich werde dich als einen wunderbaren Maler in Erinnerung behalten, der die Schönheit und Emotion deiner Modelle auf so einfühlsame Weise eingefangen hat.
Die stille Melancholie in deinen frühen Werken berührt mich ebenso wie die befreite Darstellung männlicher Schönheiten in deinem späteren Schaffen. In jedem Werk sehe ich dich. Die Vielfalt in deinem Œuvre fängt auf lebendige Weise die enorme Bandbreite an Gefühlen ein, die du erlebt hast. Jedes Bild, das meditierende Nonnen und Mönche zeigt, offenbart ein Stück deiner inneren Welt. Diese Figuren, die Einsamkeit und die Disziplin eines Lebens im Zeichen der Reflexion und der strikten Einhaltung von Regeln verkörpern, spiegeln die komplexen Facetten deiner emotionalen Reise wider – insbesondere den bittersüßen Frieden, den du im Verbergen deines wahren Selbst gefunden hast. Ich sehe deine Sehnsucht in den Gemälden schöner Männer, die ihre Körper in unschuldige und verspielten Pierrot-Kostümen verhüllen, wodurch die liebevollen Details verborgen bleiben, die du ihrer Physis widmen würdest. Doch ihre Augen verraten die Tiefe deiner Zuneigung und deines Verlangens.
Du warst mehr als ein Künstler, mehr als ein Lehrer – du warst ein Mensch mit starken Emotionen, mit einer komplexen Identität, der die Welt mit einer Anmut durchschritt, die die Herausforderungen, denen du begegnet bist, kaschierte. Dein Erbe, das beinahe in Vergessenheit geraten wäre, hat seinen Weg zurück in die Welt gefunden – und mit ihm die Anerkennung der Liebe und Leidenschaft, die du in deine Kunst gesteckt hast. Ich möchte, dass du weißt, dass deine Geschichte erzählt wird – nicht nur als Mahnung einer Gesellschaft, die dich nicht verstand, sondern als Feier deines Lebens, deines Mutes und deines unbestreitbaren Talents.
In der Erinnerung an dich sehe ich nicht nur den Menschen, der du warst, sondern auch den, der du hättest sein können, wenn die Welt eine andere gewesen wäre. Und in dieser Erinnerung finde ich sowohl Trauer als auch Freude – Trauer über die Kämpfe, die du durchleben musstest, und Freude darüber, dass deine Kunst weiterhin zu uns spricht, uns bewegt und uns an die Schönheit erinnert, sich selbst treu zu sein.
In tiefer Zuneigung,
Christina

Philipp Gufler
Der Künstler Paul Hoecker wurde 1854 in Oberlangenau in Schlesien, der heutigen polnischen Stadt Długopole Górne, geboren. Ab 1871, dem Jahr, in dem Paul seinen siebzehnten Geburtstag feierte, kriminalisierte der Paragraph 175 gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern in Deutschland. Nach seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München lebte Paul Hoecker eine Zeit lang in Berlin, wo er den Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld kennenlernte. Mit der Mitbegründung des Wissenschaftlich-Humanitären Komitees im Jahr 1897 war Magnus Hirschfeld einer der prominentesten Vertreter der Homosexuellenbewegung um die Jahrhundertwende und forderte die Abschaffung des Paragraphen 175. In seiner Biografie schreibt Hirschfeld, dass Hoecker sich erst mit seiner eigenen Homosexualität abfinden konnte, nachdem er die queere Identität von Künstlern wie Leonardo da Vinci oder Michelangelo Buonarotti zur Kenntnis genommen hatte:
Vor vielen Jahren erzählte mir einmal einer der bewundertsten Maler jener Zeit, er habe sich mit seinem eigenen Urningslos erst aussöhnen können, als er erfuhr, dass die vier von ihm verehrtesten Bildner der Renaissance seine Schicksalsgenossen gewesen waren. Als er diese vier Unsterblichen als »so« erkannte, habe sich seine Wehmut in Demut, seine Trauer in Stolz gewandelt.1
Der Paragraph 175 wurde in der Weimarer Republik nicht abgeschafft, als erstmals eine sichtbarere queere Bewegung möglich war. Während der Nazi-Diktatur wurde der Paragraph 175 verschärft und Bars, Zeitschriften und Organisationen wie Magnus Hirschfelds Institut für Sexualforschung – das als erstes queeres Archiv und Museum der Geschichte gelten kann – wurden verboten und zerstört. In Westdeutschland wurde der Paragraph nach 1945 in der von den Nazis verschärften Form weiter angewandt. Nach 1969 wurde er nicht mehr umgesetzt, jedoch erst nach der Wiedervereinigung vollständig und ersatzlos aus dem Gesetz gestrichen. Eine Erinnerung an die erste queere Bewegung vor dem NS-Regime in Deutschland war daher erst ab den 1970er Jahren möglich, als sich verschiedene queere Aktivist*innengruppen und Bewegungsarchive gründeten.
Die Auswirkungen der Auslöschung queerer (Kunst) Geschichte durch Verfolgung und gesellschaftliche Ausgrenzung bis in die Gegenwart zeigt auch die Rezeption von Paul Hoecker, der aus der Kunstgeschichte ausgeschlossen wurde. Trotz seiner Teilnahme an Ausstellungen wie der ersten bis dritten Biennale in Venedig und der Weltausstellung in Chicago 1893 und seines Einflusses als erster moderner Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München sind seine Werke und seine Biografie heute fast vergessen. Im Bewegungsarchiv Forum Queeres Archiv München (FQAM) erforschen Stefan Gruhne, Nicholas Maniu, Christina Spachtholz und ich sein künstlerisches Schaffen, seinen Austausch mit der homosexuellen Emanzipationsbewegung um Magnus Hirschfeld und sein Leben in Italien, nachdem er die Akademie verlassen musste.
Als ich 2008 nach München zog, um an der Akademie der Bildenden Künste zu studieren, 110 Jahre nach seiner Entlassung, war ich enttäuscht, wie heteronormativ und sexistisch viele der Studierenden und die fast ausschließlich männlichen Professor*innen waren. Vielleicht war ich deshalb auf der Suche nach einer queeren Vergangenheit, um mir eine queere Gegenwart und Zukunft für die Institution, der Kunstszene in München und mich vorzustellen? Durch den Ausstellungskatalog „Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung“ von 1997 hörte ich zum ersten Mal von Hoecker und machte mich auf die Suche nach weiteren Spuren seines Lebens. Im Internet konnte ich nur wenige weitere Artikel und Bilder finden. Nachdem ich sein Kündigungsschreiben an die Akademie vom 11. Oktober 1898 gefunden hatte, widmete ich Paul Hoecker 2018 einen meiner Quilts – meine laufende Serie von Siebdrucken auf Stoff in Erinnerung an Künstler*innen, Schriftsteller*innen, Zeitschriften und verlorene queere Räume – und verwendete Zitate aus seinem Kündigungsschreiben.
Als unsere Forschungsgruppe mehr über das Werk und das Leben von Paul Hoecker herausfand, habe ich mich vielleicht ähnlich gefühlt wie er, als er die queere Identität einiger Renaissance-Künstler erkannte. Natürlich hat sich die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland seit der ersatzlosen Abschaffung des Paragraphen 175 im Jahr 1994 grundlegend geändert. Mit jedem neuen Werk und jedem neuen Brief, den wir von ihm fanden, konnte ich seine künstlerische und menschliche Entwicklung trotz der Rückschläge, die er erlebt musste, besser verstehen. Die Vergangenheit ist nie ein abgeschlossenes Feld. Wir müssen uns auch um die Menschen aus der Vergangenheit kümmern.

Nicholas Maniu
Obwohl ich Kunstgeschichte in München studiert habe, war mir der Name Paul Hoecker zunächst kein Begriff. Dies änderte sich erst, als ich mich im FQAM engagierte und später auch der Forschungsgruppe Paul Hoecker beitrat, die sich um die Wiederentdeckung eines zu Unrecht vergessenen queeren Künstlers bemüht. Aufgrund meiner eigenen kunsthistorischen Forschung, die sich auf Queer Studies, Ikonographie/Ikonologie und Visual Culture Studies konzentriert, bin ich mir der Bedeutung von Sichtbarkeit bewusst und weiß, wie wir als queere Menschen darum kämpfen müssen, von der Geschichtsschreibung berücksichtigt zu werden. Die Ausstellung Remembering Paul ist ein wichtiger Schritt in diesem Prozess, vor allem angesichts der jüngsten Angriffe auf queere Sichtbarkeit.
In meiner Dissertation Queere Männlichkeiten. Bilderwelten männlich-männlichen Begehrens und queerer Geschlechtlichkeit (2023) habe ich versucht, die komplexe Geschichte queerer Männlichkeiten innerhalb verschiedener Kulturen und Zeiten aufzuzeigen und wie sexuelle und geschlechtliche ‚Andersartigkeit‘ lange Zeit als ‚Sünde‘ oder ‚Krankheit‘ gebrandmarkt wurde.2 Einem Palimpsest gleich verschwanden diese Vorstellungen allerdings nie gänzlich, sondern überlagerten sich lediglich und prägen unser Verständnis von Geschlecht und Begehren bis heute. In einem Umfeld aufzuwachsen, in dem nicht-heteronormative Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten in der Regel als etwas Negatives dargestellt wurden und teilweise auch noch werden, stellt die Entwicklung eines positiven (Selbst-)Bildes eine große Herausforderung dar – es sei hier beispielsweise auf die monströse Figur des Sodomiten im christlich-religiösen Kontext hingewiesen oder auf die Pathologisierungsversuche queerer Sexualität und Geschlechtlichkeit im medizinischen Kontext. Im Laufe der Zeit haben sich jedoch zwei mögliche Strategien herauskristallisiert: Entweder können Bilder der allgemeinen Kultur angeeignet und mit einer neuen (queeren) Bedeutung versehen werden, wie es zum Beispiel schwule Männer taten, indem sie den heiligen Sebastian als homoerotische Ikone für sich beanspruchten. Oder aber es wird versucht, die queere Geschichte freizulegen, die schon immer da war, aber verschüttet wurde – mythologische und historische Figuren wie Ganymed, Hadrian und Antinoos, Il Sodoma und Michelangelo sind Beweise dafür, dass es eine queere Vergangenheit gibt. Wie Philipp Gufler in seinem Text hervorhebt, blickte auch Hoecker in die Vergangenheit und konnte sich ein positiveres (Selbst-)Bild aufbauen, indem er die Existenz anderer queerer Künstler wie Michelangelo entdeckte.
Bei der Betrachtung von Hoeckers Gesamtwerk fällt auf, wie sich dieses neue queere Selbstbewusstsein allmählich herausbildet: Während sich die meisten seiner früheren Arbeiten durch die Abwesenheit bzw. Unterdrückung jeglicher Erotik auszeichnen – holländische Genreszenen sowie Nonnen und Mönche sind die Hauptmotive –, tauchen in einigen seiner wiederkehrenden Pierrot-Darstellungen erste Anzeichen seines queeren Begehrens auf.3 Doch wie auch Christina Spachtholz betont, verbergen die übergroßen weißen Gewänder, die für die Pierrot-Figur typisch sind, die Körper seiner attraktiven Modelle vor den Blicken des Publikums (und des Malers) und machen sie zu geschlechtslosen, fast ätherischen Wesen. Doch obwohl er sich bemühte, sein Verlangen in seinen Gemälden nicht offen zum Ausdruck zu bringen, war es letztlich seine Kunst, die seine Homosexualität ‚offenbarte‘: Für die Madonnenfigur seines religiösen Gemäldes Ave Maria (um 1897/98) soll Hoecker einen männlichen Sexarbeiter als Modell genutzt haben, mit dem ihm auch ein sexuelles Verhältnis nachgesagt wurde. Der Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte konnte nie bestätigt werden, aber angesichts der schnellen Reaktion Hoeckers – er trat von seiner Professur an der Akademie zurück – scheint es plausibel. Die Darstellung eines Mannes in ‚weiblich‘ gelesener Kleidung als Jungfrau Maria wäre auf jeden Fall ein gewagter, wenn auch verschleierter Akt queerer Rebellion. Zudem würde es auch auf eine queere (Kunst-)Geschichte referieren, so war doch der libertäre Caravaggio dafür bekannt, für seine religiösen Gemälde Modelle ‚von der Straße‘ (einschließlich Sexarbeiter*innen) zu verwenden.
Nach dem Verlassen der Akademie ging Hoecker auf Reisen und verbrachte viel Zeit in Italien. Die ab dieser Zeit entstandenen Werke bestechen durch ihre unübersehbare Homoerotik: Einst verhüllte Körper werden offen und lustvoll präsentiert (z. B. Nino, um 1908). Doch mit dieser Befreiung ging auch das Ende seiner Karriere einher. Hoecker sollte nie wieder in der Kunstwelt Fuß fassen.
Das Entdecken des ebenso traurigen wie erstaunlichen Schicksal Hoeckers, der für lange Zeit völlig in Vergessenheit geraten war, gab mir den entscheidenden Impuls, mich für die Ziele der Forschungsgruppe einzusetzen. So arbeiten wir derzeit etwa daran, Hoeckers Werk wieder eine Präsenz in der Münchner Museumslandschaft zu geben – ein Ankauf für das Lenbachhaus ist in Arbeit. Wenn uns queere Geschichte etwas lehrt, dann, dass wir dafür kämpfen müssen, einbezogen zu werden, und dass wir die Geschichtsschreibung nicht denen überlassen dürfen, die die meiste Macht haben – im Sinne von Paul Hoecker und all den Anderen, die aussortiert wurden, weil sie nicht in die dominanten Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität, Klasse und/oder Herkunft passen, die als akzeptabel gelten.
- Von einst bis jetzt: Geschichte einer homosexuellen Bewegung 1897–1922 (= Schriftenreihe der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 1). Verlag rosa Winkel, Berlin 1986, S. 108. ↩︎
- Obwohl „queer“ ein ahistorischer Begriff ist, verwende ich ihn hier als Sammelbegriff für alles, was jenseits des strengen männlich-weiblichen Binarismus und der Idee der „Heteronormativität“ liegt. ↩︎
- Pierrot ist eine männliche Figur aus dem französischen Theater, die auf einer Figur aus der italienischen Commedia dell’arte basiert. ↩︎

