Anfänge der Berliner Lesbenbewegung aus erster Hand
Im Rahmen seines Frühjahrsprogramms legt das schwul-lesbisch-queere Publikationshaus Querverlag aus Berlin eine reich bebilderte Darstellung der ersten Jahre der Berliner Lesbenbewegung vor. Das Schöne an dem Buch: Es wurde von Cristina Pernicioli geschrieben, die damals an der dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) eine Ausbildung absolvierte und zu den Speerspitzen der Frauen- und Lesbenbewegung gehörte und beispielsweise den bahnbrechenden Film „Die Macht der Männer ist die Gewalt der Frauen“ über Gewalt in (Hetero-)Beziehungen drehte. Das Buch befasst sich anhand vieler Dokumente und dem Erleben von Pernicioli im ersten Teil mit den Jahren 1968 bis 1974, in denen sich die autonome Frauen- und Lesbenbewegung von der linken Studentenbewegung abspaltete, wie sie langsam ihre eigenen Themen und Artikulationsformen fand und schließlich während des Erstarkens der Umwelt- und Friedensbewegung einen Teil ihres Impetus einbüßte.
Der sagenhafte Tomatenwurf von Sigrid Rüger auf dem SDS-Kongress 1968, der erste Frauenfilm, die erste Lesbengruppe und so weiter kann man bei der Lektüre miterleben. Deutlich wird auch, wie sich terroristisch aktive Gruppen aus der linken und auch der Frauenszene heraus entwickelten und wie sich die polizeilichen Maßnahmen, etwa häufige Hausdurchsuchungen, im Zuge der Terrorbekämpfung auf diejenigen auswirkten, die in irgendeiner Form mit den Gesuchten in Verbindung gestanden hatten, weil sie etwa zeitweise in einer gemeinsamen WG mit ihnen gewohnt hatten, bevor die betreffenden Personen in den Untergrund abtauchten. Bei der Lektüre sieht und spürt frau/man den Mut der ersten Lesben, die sich offen gegen ihre Unsichtbarmachung durch die Gesellschaft erhoben oder sich gegen die pauschale Verunglimpfung von Lesben etwa im Ihns-Prozess 1974 und der mit dem Fall verbundenen Berichterstattung wehrten.
In einem zweiten Teil ergänzt Pernicioli den Bericht über die diversen Entwicklungen und Aktivitäten um dokumentarisches Material zu einzelnen Personen, Gruppen oder Entwicklungen, die den Zeitgeist, der die Frauen der Bewegung und das Kraftfeld, in dem sie ihre Aktivitäten entfalteten, verdeutlichen.
Über weite Strecken liest sich das Buch spannend und unterhaltsam, in dem angefügten Dokumententeil finden sich neben perlen auch echte Stilblüten, die jedoch mit der Autorin nichts zu tun haben, sondern den Federn anderer entflossen sind.
Übrigens: Dieses Buch bestellt Euch gern und ohne jede Datensammelei Eure Buchhandlung, in München zum Beispiel Lillemors Frauenbuchladen!
Cristina Pernicioli, Berlin wird feministisch. Querverlag, Berlin 2015. broschiert, reich bebildert, 242 Seiten. ISBN 9-783896-562326, 24,90 Euro.
