Eine lesbische Biografie in der Reihe „Jüdische Miniaturen“
Dass Lesben und Schwule anfangen, explizit die Geschichte ihresgleichen aufzuzeichnen, versorgt die Community seit einigen Jahrzehnten mit den Ansätzen einer fortlaufenden kulturellen Historie und damit mit der Chance, sich aufeinander über Zeit und Ort hinweg zu beziehen. Eher ungewöhnlich ist es allerdings noch immer, dass auch anderer Bevölkerungsgruppen explizit ihrer LGBTI*-Angehörigen gedenken.
Umso bemerkenswerter ist das 91seitige Bändichen, das nun in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ vom Verlag Hentrich & Hentrich veröffentlicht wurde. Geschrieben wurde es von der lesbischen Historikerin und Mit-Betreiberin einer lesbengeschichtlichen Online-Plattform Ingeborg Boxhammer. Sie erzählt das Leben zweier Tänzerinnen: der evangelischen Marta Halusa und der jüdischen Margot Liu, geborene Holzmann. Die beiden lernten sich über ihren Beruf in Berlin kennen und gerieten anschließend in die Mühlen nationalsozialistischer Verfolgung – als Jüdin beziehungsweise Partnerin einer Jüdin, als Lesbe und als Prostituierte. Trotz mehrfacher Verhaftungen, Gefängnis samt Folter und weiterer Repressalien schafften es die beiden Frauen ihre Beziehung und ihre Gefühle zueinander zu erhalten und das Dritte Reich zu überleben. Nach dem Krieg übersiedelten die beiden nach London, wo sie noch lange und endlich in Frieden zusammenleben konnten. Der sehr detailliert dokumentierte Kampf um eine angemessene Entschädigung als Opfer des Fachismus/Nationalsozialismus demonstriert, dass für Abweichler von der heterosexuellen Kleinfamilien-Norm auch nach dem Krieg die Diskriminierung geradewegs weiterging.
Boxhammer bemüht sich um historische Genauigkeit. Sie beschreibt nicht nur Kindheit und Jugend trotz spärlicher Quellenlage so detailliert wie möglich, sondern rekonstruiert auch im Detail, wie sich die beiden während des Dritten Reichs von Wohnung zu Wohnung, von Job zu Job hangelten, wie Margot Holzmann durch die Ehe mit einem chinesischen Koch versuchte, ihre Sicherheit Dritten Reich zu erhöhen, wie Zufälle und Willkür im Positiven und Negativen dazu beitrugen, dass beide am Ende überlebten. Ein Lehrstück darüber, wie es im Dritten Reich denen ging, die nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörten. Sehr bereichernd sind die an vielen Stellen in den Text eingebauten historischen Fotografien.
Bibliographie: Ingeborg Boxhammer: Marta Haolusa und Margot Liu. Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen. Aus der Reihe Jüdische Miniaturen, Bd. 175, herausgegeben von Hermann Simon. Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, Centrum Judaicum, Berlin 2015. 91 Seiten, broschiert, zahlreiche s/w-Fotografien. ISBN 978-3-95565-116-9, 9,90 Euro.
