Von Act Up haben die meisten schon gehört – allerdings meistens in Zusammenhang mit dem Kampf amerikanischer AIDS-Aktivisten. Doch auch in Frankreich war die Bewegung in den Achtzigern hoch aktiv und kämpfte für die frühzeitige Verfügbarmachung neuartiger Medikamente, die die Immunschwächeerkrankung bei HIV-positiven Menschen am Ausbruch hindern können.
Was mich als rund 60jährige deutsche Lesbe an 120 BPM (Regie: Roger Castillo), einem dokumentarischen Spielfilm über Act up! in Frankreich, vor allem beeindruckt hat, ist, dass der Film noch einmal unübersehbar ins Gedächtnis ruft, wie jung diejenigen waren, die sich bei Act Up engagierten und hier um eine bessere Medikamentenversorgung und lebensrettende Sexualaufklärung ohne moralische No-Gos und Tabus kämpften: Manche noch in der Schule, manche gerade eben in den Beruf eingetreten oder an der Universität. Sie hätten ohne HIV ihr Leben noch vor sich gehabt und kämpften, von Todesangst getrieben, buchstäblich um ihre Zukunft und damit auch um die aller anderen Betroffenen.
Act up! in Frankreich wehrte sich wie das amerikanische Vorbild mit neuen, plakativen Kampf- und Demonstrationsformen jenseits der Tabuschwelle gegen die Indolenz der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der viele den Infizierten, und besonders den Schwulen unter ihnen, klammheimlich den Tod wünschten. Zumindest aber sah weder Politik noch Wirtschaft ein, warum man sich besonders anstrengen und zu neuen Mitteln greifen sollte, um der Epidemie Einhalt zu gebieten.
Beeindruckend ist, wie schonungslos der Film das Kämpfen, Leiden und auch Sterben von HIV-Infizierten zeigte. Manchmal waren die ungeschminkten Bilder des Leidens es fast zu viel, aber vielleicht ist das auch genau richtig so. Immerhin mussten alle an solchen Situationen Beteiligten sie in „Echtzeit“ durchleben. Die Handlung von 120 BPM: Der 16jährige Sean (Nahuel Pérez Biscayart) und der etwas ältere Nathan (Arnaud Valois), lernen sich bei Act Up! in Paris kennen und lieben. Sean ist HIV-positiv, Nathan nicht. Im Lauf des Filmes entwickelt Sean das HIV-Vollbild und geht in einen assistierten Freitod, als sein Leiden für ihn unerträglich wird.
Der Film gießt keinen Zuckerguss über das, was sich damals auf der schwulen Szene Frankreichs abspielte. In dem Land drückte man sich lange um effektive Vorbeugung und Aufklärung. Die Folge waren rasant steigende Infektions- und Opferzahlen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Dass sich die Kooperation zwischen Pharmaindustrie und Betroffenen in Frankreich langsam aber sicher verbesserte, ist den Kämpfen von Act up! zu verdanken, doch kamen die Erfolge für viele zu spät.
Für alle, die sich für die Geschichte jener Tage interessieren, ist 120 BPM unbedingt eine Empfehlung. Das fand auch die Jury in Cannes, die dem Werk den Grand Prix verlieh. Der Film kommt am 30. November in die deutschen Kinos.
