Dank einer großzügigen Schenkung der Familie Becker befinden sich am Forum Queeres Archiv München (FQAM) seit kurzem weitere Objekte und Fotos von Paul Hoecker aus dem Familiennachlass.

Ein besonderes Archivstück ist Paul Hoeckers original Fotokamera. Hoecker gehörte zu den Pionieren der Fotografie. In einer Zeit, in der erhebliche Spannungen zwischen den Künsten herrschten, grassierte einerseits die Sorge, dass die Fotografie die Malerei verdrängen könnte, während andererseits Stimmen laut wurden, die die Malerei als überholt betrachteten. Hoecker erkannte hingegen das Potenzial der Fotografie, sein eigenes malerisches Werk zu ergänzen. Er nutzte Fotografien als Vorlagen für seine Gemälde, wodurch er Momente, Details und Kompositionen festhalten und anschließend in seine Werke übertragen konnte. Teil der großzügigen Schenkung sind auch über 300 Fotografien von Paul Hoecker sowie einige seiner Glasnegative.

Aus dieser Schenkung lassen sich weitere Erkenntnisse über die Entstehung von Hoeckers Gemälden gewinnen. Besonders aufschlussreich ist die fotografische Skizze zu seinem Gemälde Ave Maria (um 1898), die neue Hinweise auf das Modell für die Darstellung der Mutter Maria liefert. Dass es sich dabei um eine männliche Person handeln könnte, ging bislang auf wenige, nicht final belegbare schriftliche Angaben zurück. Die Frage nach der Identität des Modells verweist zugleich auf einen Skandal, der Hoeckers Leben im Jahr 1898 entscheidend prägte: Gerüchte, wonach für das Marienbild ein männlicher Sexarbeiter Modell gestanden haben soll, zwangen ihn zum Rücktritt von seiner Professur.
Das exakte Alter des Modells ist nicht belegbar. Ob die Romanfigur des Sexarbeiters Giovanni Bocchi, Modell eines “Paul H***” aus Achille Essebacs L’Élu (1902), Hinweise auf die tatsächliche Identität des betreffende Modells liefert oder ein frei erfundener Protagonist war, bleibt weiterhin ungeklärt.
Auch bleibt weiterhin offen, welche Schlüsse wir aus einer bildlichen Darstellung über das Verhältnis zwischen Künstler und Modell ziehen können. Wenn ein Maler einen Sexarbeiter engagiert, kann dies auch pragmatische Gründe haben – etwa die Verfügbarkeit eines geeigneten Modells. Auch das jugendliche Alter muss im Kontext der Zeit gesehen werden: Jugend galt zur Jahrhundertwende vielfach als Sinnbild für Reinheit, Natürlichkeit und Aufbruch. Zugleich darf nicht ausgeblendet werden, dass insbesondere bei einem Engagement von minderjährigen oder sozial abhängigen Modellen ein strukturelles Machtgefälle besteht.
Eine differenzierte historische Betrachtung bleibt offen für neue Befunde und würde diese kritisch einbeziehen. In unserer neuen Publikation Splitter 19: Spuren von Paul haben wir uns in der Einführung ausführlich mit der Thematik auseinandergesetzt und erforschen weiterhin die Umstände, die zur Beendigung seiner Professur an der Münchner Kunstakademie führten.

Die Schenkung umfasst auch Reproduktionen bislang unbekannter Gemälde, die wir in unsere regelmäßig aktualisierte Werkliste aufgenommen haben. Darüber hinaus enthält der Familiennachlass Fotografien weiterer Künstler*innen, darunter Arbeiten des mit Hoecker bekannten Fotografen Wilhelm Plüschow.
In den vergangenen Wochen haben wir den Nachlass digitalisiert. Er kann nach vorheriger Anmeldung während der Öffnungszeiten des FQAM eingesehen werden.
Am 18. Januar 2027 um 19 Uhr stellt der Kunsthistoriker Dr. Nicholas Maniu aus unserer Forschungsgruppe in seinem Vortrag „Heilige Masken und queeres Verlangen: Paul Hoeckers visuelle Verhandlung von Begehren“ die neuesten Erkenntnisse unserer gemeinsamen Spurensuche vor.

