„Hör’ nicht drauf, was fremde Leute sagen;
Bruno Balz, Aus dem Lied „Bubi, lass uns Freunde sein“ (1924)
Lass sie reden. Ich schweig’ still.“

Gustav Hermann Bruno Balz war Textdichter, Redakteur, Aktmodell, Aktivist der ersten Homosexuellenbewegung und Verfolgter des NS-Regimes.
Balz wurde als Sohn eines Sattlers und einer Hausfrau am 6. Oktober 1902 in Berlin geboren. In seiner Schulzeit schrieb er erste Gedichte. Von 1917 bis 1920 absolvierte er eine Lehre zum Küfer und arbeitete bis 1923 in einem Berliner Weinhandel.
Bereits mit 17 Jahren, 1919, war sich Balz seiner Homosexualität bewusst und suchte den Weg in die Berliner Schwulenszene, die sich in der Zeit der Weimarer Republik in einer historischen Aufbruchsstimmung befand. In Magnus Hirschfelds „Institut für Sexualwissenschaft“ füllte er den „Psychobiologischen Fragenbogen“ aus, indem er sich zu seiner Homosexualität bekannte, und ließ sich von Adolf Brand, Aktivist und Herausgeber der Schwulenzeitschrift „Der Eigene“, als Aktmodell ablichten. 1923 trat er dem von Friedrich Radszuweit gegründeten „Bund für Menschenrecht“ bei; 1924 schrieb er den Text für „Bubi, lass uns Freunde sein“, einen der ersten Schlager für ein homosexuelles Publikum. Von 1928 bis 1930 war Balz Redakteur der Zeitschrift „Die Freundin“.
Mit der Weltwirtschaftskrise ab Oktober 1929 endete die liberale Ära Berlins. Nach der NS-Machtergreifung 1933 plünderten und zerstörten die Nazis am 6. Mai 1933 Hirschfelds Institut. Dabei wurde Balz’ Homosexualität aktenkundig und bot die Grundlage für seine Aufnahme in die „Rosa Liste“ der verfolgten Homosexuellen. Balz’ Talent als gefragter UFA-Textdichter – 1933 etwa für den Filmklassiker „Viktor und Viktoria“ – schützte ihn zunächst vor Verfolgung. 1935 wurde der § 175 drastisch verschärft und der neue § 175a „für schwere Unzucht“ mit Zuchthaus oder KZ-Haft eingeführt. Balz lebte seine Homosexualität dennoch weiter aus.
Mitte der 1930er Jahre lernten sich Bruno Balz und Michael Jary kennen und begannen 1937 eine fruchtbare Zusammenarbeit. Jary komponierte die Musik, während Balz die Texte für die zahlreichen Schlager schrieb, die Zarah Leander interpretierte. Leanders tiefe Stimme und ihre hohe Gestalt machten sie zu einer rätselhaften androgynen Erscheinung, die sie zum gefeierten Star des NS-Regimes und zugleich zur Schwulenikone werden ließen.
Im August 1936 wurde Balz bei einer Razzia im Tiergarten nahe dem Bahnhof Zoo verhaftet. Um einem Prozess zu entgehen, ehelichte er die linientreue Selma Pett; im Januar 1937 verurteilte ihn ein Gericht dennoch zu sechs Monaten Einzelhaft. Ab diesem Zeitpunkt durfte Balz’ Name nicht mehr öffentlich genannt werden. Als Namenloser schrieb er weiter Schlagertexte. Er entwickelte eine Kunstsprache voller Zweideutigkeiten und verzichtete in seinen Texten bewusst auf Geschlechtsangaben – etwa im doppeldeutigen „Kann denn Liebe Sünde sein“ (1938), das die damalig herrschende Moral auf den Kopf stellte und zu einer Schwulenhymne wurde.
Im Jahr 1941 stürmte die Gestapo Balz’ Wohnung, wo er einen Empfang für die Filmcrew des Films „Die große Liebe“ gab, für den er die Liedtexte schreiben sollte. Eingeschleust war ein junger Mann, der Balz in sein Schlafzimmer lockte, was zu seiner zweiten Verhaftung wegen Homosexualität und zu Folterungen führte. Dem KZ entging er nur knapp: Der Komponist Jary intervenierte bei der Gestapo und argumentierte, der Film könne nicht fertiggestellt werden, wenn Balz nicht die Texte zu seinen Kompositionen schriebe. Balz wurde freigelassen, unter der Bedingung, innerhalb von 24 Stunden die Texte für die Filmtitel zu liefern.
Nach seiner Entlassung entstanden zwei seiner bekanntesten Schlager: „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“. Sie gaben Millionen von Frauen Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Männer von der Front und spiegelten gleichzeitig Balz’ eigene Sehnsucht nach dem Ende seiner Verfolgung wider.
Nach Kriegsende wurde Balz groteskerweise von den Alliierten als „Hitlers Hitschreiber“ angeklagt und musste gegen seinen Willen seine Homosexualität offenlegen; am 26. Oktober 1946 sprach ihn die amerikanische Behörde frei. Seine Frau verweigerte aus Prestigegründen die Scheidung. In den 1950er Jahren wurde Balz Mitglied der „Gesellschaft für Reform des Sexualrechts“. Anfang der 1960er Jahre zog er sich nach Bad Wiessee zurück und fand in dem Maler Jürgen Draeger seinen Lebensgefährten, der ihn bis zu seinem Tod am 14. März 1988 in Bad Wiessee begleitete. Bruno Balz fand seine letzte Ruhe auf dem Berliner Friedhof Wilmersdorf.
Bruno Balz war kein Kämpfer, er war ein Überlebender des NS-Regimes, der sein Schwulsein nie verleugnete. Er beherrschte die Kunst, in seinen Texten queere Existenz in Zweideutigkeiten auszudrücken, und blieb sich selbst unter schwierigsten Lebensumständen treu. Balz schrieb über 1000 Liedtexte für rund 200 Filme, viele davon Klassiker der deutschen Film- und Musikgeschichte. Seit 2021 wird der Bruno-Balz-Preis zur Förderung von jungen Chansontalenten verliehen.
Zur Biografie von Bruno existieren, je nach Quelle, teils voneinander abweichende Angaben und Deutungen; dieser Text stützt sich auf den Abgleich der zugänglichen Darstellungen, ohne den Anspruch auf letzte Widerspruchsfreiheit zu erheben.
Werkauswahl
- „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“, aus dem Film „La Habanera“, 1937
- „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, aus dem Film „Paradies der Junggesellen“, 1939-
- „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ aus dem Film „Die große Liebe“, 1942
- „Mama“, Heintje, 1967
Literatur und Filme
- Kay Weniger: Zwischen Bühne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933 bis 1945. Mit einem Geleitwort von Paul Spiegel. Metropol, Berlin 2008, S. 381 (Kurzbio
- Bruno Balz-Archiv: https://www.bruno-balz.com/index.php/das-bruno-balz-archiv
- „Im Schatten der Träume. Bruno Balz, Michael Jary und ihre Lieder für Zarah Leander“, Dokumentarfilm von Martin Witz, 2024
- Judith Kessler: Kann denn Liebe Sünde sein? Auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz. Nicolai, Berlin 2025
Von Norbert Wagner

